WIM WENDERS UND “MAIDAN” IN CANNES: SILBERTOLLE AUF SIEGESZUG

Hannah Pilarczyk, www.spiegel.de, 22.05.2014

Für sein Filmporträt des Starfotografen Sebastião Salgado wird Wim Wenders in Cannes so tosend gefeiert wie nur wenige Regisseure. Dabei hätte “Maidan”, ein einzigartiger Dokumentarfilm über die ukrainische Revolution, genau so viel Jubel verdient.

Wann immer in den vergangenen Tagen Wim Wenders silberne Haartolle aus dem Cannes-Publikum heraus stach, brandete Applaus auf. Mit den Worten “30 Jahre Goldene Palme für ‘Paris, Texas’!” forderte auch Festivalleiter Thierry Frémaux vor der Premiere von Wenders’ neuem Film noch einmal Respekt für dessen Lebenswerk ein. Nach dem Ende von “The Salt of the Earth” (zu sehen in der Nebenreihe “Un Certain Regard”) gab es dann keinen nostalgischen Applaus mehr: Jetzt wurde Wenders nurmehr frenetisch für seinen aktuellen Film gefeiert.

In “The Salt of the Earth” porträtiert er den brasilianischen Magnum-Fotografen Sebastião Salgado, der mit seinen Aufnahmen von humanitären Katastrophen wie der äthiopischen Hungersnot 1984 oder dem Völkermord in Ruanda 1994 weltberühmt wurde. Als Wenders’ Koautor fungiert Salgados ältester Sohn Julian Ribeiro, der zu Anfang erklärt, er wolle mit dem Film dem Mann näher kommen, den er nur als Vater kenne. Während sich zunächst noch die Perspektiven der zwei Filmemacher auf ihr Sujets abwechseln und dazwischen Sebastiao Salgado selber zu Wort kommt, entledigt sich der Film sehr schnell des Sohnes als Erzähler, und selbst Wenders zieht sich immer mehr zurück, bis fast nur noch Salgados ruhige, konzentrierte Stimme die eigenen Bilder kommentiert.

Und was sind das für Bilder. Zeugnisse größten Elends und brutalster Gewalt, durchdrungen von den großen Themen der Weltpolitik und doch immer auch versehen mit Salgados persönlicher Handschrift: diesem eigentümlichen silbernen Leuchten, das seine Schwarz-Weiß-Fotos zum Schimmern bringt, und diesem unerschütterlichen Mitgefühl, das auch in den epischsten Panoramen den Menschen im Fokus behält.

Chronologisch geordnet gehen Wenders und Salgado Junior die großen Projekte des Fotografen durch, von seinem ersten Fotoband “Outras Américas” (1986) über das sich wandelnde Lateinamerika bis zu seinem Opus Magnum “Gênesis” (2013), in dem er vom Menschen unberührte Landschaften fotografiert hat. Zwischen den grandiosen Bilderfluss gestreut sind Aufnahmen von Wenders’ Interviews mit Salgado, Impressionen vom Fotografen bei der Arbeit sowie eine einzige Szene, in der seine Frau und Geschäftspartnerin Lelia zu Wort kommt.

Nachschub für die Steinewerfer

Von den inszenatorischen Mitteln her ist “The Salt of the Earth” mitunter arg konventionell. Im Verlauf des Films hat man immer öfter das Gefühl, man säße auf einer gemütlichen Couch mit einem Salgado-Bildband auf den Knien, in dem mal Wenders, mal Salgado eine Seite aufschlägt und einem ins Ohr raunt, was man bei diesem speziellen Foto zu beachten habe. Andererseits kann man sich auch keine bessere Situation vorstellen, um sich mit Salgados Werk auseinanderzusetzen. Verdientermaßen wurde Wenders dafür mit einem der größten Jubelstürme des Festivals bedacht.

Mit Wenders gemeinsam hat der ukrainische Regisseur Sergej Losnitza, dass er ebenfalls sowohl Dokumentar- als auch Spielfilme dreht. Inhaltlich und erzählerisch könnte Losnitzas neueste Dokumentararbeit “Maidan” über das Zentrum der ukrainischen Revolution aber nicht in größerem Kontrast zu “The Salt of the Earth” stehen.

Kaum eine Hand voll von Schrifttafeln informieren in dem zweistündigen Film über den Verlauf der Ereignisse in Kiew vom Anfang der Proteste bis zur Flucht von Präsident Janukowytsch. Keine Protagonisten ziehen einen in das Leben auf dem Maidan hinein, keine Erzählstimme erläutert, welche Zusammenhänge es zu beachten gilt. Losnitza, der gemeinsam mit Serhiy Stefan Stetsenko und Mykhailo Yelchev die Kamera geführt hat, lässt einen allein mit einer vordergründig monotonen Abfolge von Standbildern. Doch diese Bilder fordern einen zum Sehen heraus wie kaum welche sonst auf diesem Festival.

Zu Beginn von “Maidan” steht die Kamera inmitten einer U-Bahnstation, die anscheinend das Nadelöhr zum Platz der Unabhängigkeit bildet. Menschen aller Altersgruppen und Schichten ziehen an der Kamera vorbei, mal trägt eine Frau einen traditionellen Blumenkranz im Haar, mal hat ein Student eine blau-gelbe Flagge aus seinem Rucksack herausragen. Ganz langsam entsteht so ein Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die es zu den größten Protesten in der Geschichte ihres Landes auf den Maidan zieht.

Nach diesem Muster funktioniert die Mehrheit von Losnitzas Totalen: Konzentriert man sich auf sie, wirken sie wie ein tausendteiliges Puzzle, das der Filmemacher eigenhändig für einen zusammen gesetzt hat. Ist man zunächst von der schieren Masse von Protestierenden verblüfft, die sich in der Tiefe der Aufnahmen erkennen lassen, nimmt man im nächsten Moment wahr, dass die junge Frau im Vordergrund Teil einer Kette ist, die Steinewerfer mit neuer Munition versorgt.

In jedem Bild ist ein ähnliches Netz der Interaktionen zu erkennen, das sich über den gesamten Platz zu spinnen scheint – und genau das ist es, was “Maidan” so herausragen lässt: Indem er soweit zurück tritt, fängt der Film Öffentlichkeit in all ihrer Komplexität ein. Wem das zu abstrakt ist, wer mehr Empathie, mehr Heldenerzählung über die Monate auf dem Maidan will, wird von diesem Film sicherlich enttäuscht sein. Doch mit ein bisschen mehr emotionalem und zeitlichem Abstand zu den Ereignissen in der Ukraine dürfte “Maidan” paradoxerweise noch eindrücklicher werden und als einzigartige Studie über Öffentlichkeit Anerkennung finden.